Meral Kureyshi über Ágota Kristóf
Shownotes
Für die zweite, wunderbare Folge der neuen Staffel hat Rasha sich Meral Kureyshi zu einem Gespräch eingeladen. Die schreibende Protagonistin über deren Werk sich Meral gewünscht hat, mit Rasha zu sprechen ist die ungarisch-schweizerische Schriftstellerin Ágota Kristóf.
Außerdem möchten wir nochmal auf die Fempire-Liveshow aufmerksam machen: am 26. Februar, von 18:00-19:30 Uhr wird Rasha beim Literaturfestival 'kindly invited' mit der wundervollen Terézia Mora über eine ihrer liebsten Schriftstellerinnen sprechen. Tickets gibt es auf der 'kindly invited' Website zu erwerben. Kommt zahlreich!
Wie ihre Wahlheldin für diese Folge schreibt auch Meral nicht in ihrer Erstsprache. 1983 in Prirzen im damaligen Jugoslawien, heute Kosovo, geboren, kam sie 1992 mit ihrer Familie in die Schweiz. Dort lebt sie in Bern als freie Autorin von kürzeren Prosatexten und bereits drei Romanen. Sowohl ihr Debüt „Elefanten im Garten“ (2015) als auch ihr zweites Buch „Fünf Jahreszeiten“ (2020) wurden hoch gelobt und ausgezeichnet. „Im Meer waren wir nie“, Merals dritter Roman über Freundschaft, Fürsorge und Familie, der erst letztes Jahr erschienen ist, hat es auf die Shortlist des Schweizer Buchpreises geschafft.
Ihr umfangreiches Werk von Romanen, Theaterstücken, Novellen und Gedichten hat die 1935 in Ungarn geborene Ágota Kristóf hauptsächlich auf Französisch verfasst, nachdem sie 1956 im Zuge der Revolution in die Schweiz floh. Für ihre Romane und ihr Gesamtwerk wurde sie mehrfach ausgezeichnet, bevor sie 2011 in Neuchâtel verstarb. Rasha und Meral widmen sich besonders den Romanen „Die Analphabetin“ (2004 im französischen Original erschienen) und „Das große Heft“ (im französischen Original 1986 veröffentlicht), in denen es, wie die Unterhaltung von Meral und Rasha zeigen wird, auch immer wieder um zu überwindende Distanzen geht, von einer zur anderen Sprache, von Gedachtem zu Geschriebenem, von einem Land zum anderen. Daneben geht es um Wahrheit und Lüge im Schreiben und über die Erfahrung in der Öffentlichkeit, auf einer Bühne zu sein.
Als Produzentinnen standen Rasha auch in dieser Folge wieder Kathrin Albrecht und Asya Kurtuldu zur Seite.
Erwähnt wurden:
Ágota Kristóf, Die Analphabetin, 2007. Aus dem Französischen von Andrea Spingler. Im Original 2004 erschienen.
Ágota Kristóf, Gestern, 1996. Aus dem Französischen von Carina von Enzenberg und Hartmut Zahn. Im Original 1995 erschienen.
Ágota Kristóf, Das große Heft, 2013. Aus dem Französischen von Eva Moldenhauer. Im Original 1986 erschienen.
Ágota Kristóf, Der Beweis, 1991. Aus dem Französischen von Erika Tophoven-Schöningh. Im Original 1988 erschienen.
Ágota Kristóf, Die dritte Lüge, 1993. Aus dem Französischen von Erika Tophoven. Im Original 1991 erschienen.
Ágota Kristóf, Irgendwo, 2007. Aus dem Französischen von Carina von Enzenberg. Im Original 2005 erschienen.
Transkript anzeigen
00:00:01: Vampire.
00:00:03: Vampire.
00:00:04: Vampire.
00:00:05: Vampire.
00:00:06: Vampire.
00:00:07: Vampire.
00:00:11: Vampire.
00:00:27: Vampire.
00:00:27: Vampire.
00:00:28: Vampire.
00:00:28: Vampire.
00:00:29: Vampire.
00:00:29: Vampire.
00:00:30: Vampire.
00:00:30: Vampire.
00:00:33: Vampire.
00:00:34: Vampire.
00:00:34: Vampire.
00:00:38: Vampire.
00:00:44: Vampire.
00:00:47: Diesen Februar, um genau zu sein am sechsohnzwanzigsten zweiten, könnt ihr Vampire mal wieder live auf der Bühne erleben.
00:00:54: Und zwar in Köln im Rahmen des Kindly Invited Festivals.
00:00:59: Dort werden wir in der Komedia in Köln zu Gast sein, als Live-Podcast mit keiner geringeren als der grandiosen Theresia Mora als Gästin.
00:01:08: Sichert euch eure Tickets, links und alles Info gibt es in den Show notes und wir freuen uns, euch dort vor Ort endlich auch mal kennen zu lernen.
00:01:17: Jetzt aber zur neuen Folge.
00:01:19: Meine Gästin ist die Schweizer Autorin Miral Kureishi.
00:01:23: Miral hat drei Romane veröffentlicht, Elefanten im Garten, fünf Jahreszeiten und ihren letzten Roman im Meer waren wie nie, mit dem sie jetzt auch auf der Shortlist des Schweizer Literaturpreises stand.
00:01:36: Miral wurde im Prisiden, im früheren Jugoslawien, heute Kosovo geboren und gehört dort der türkischsprachigen Minderheit an.
00:01:44: Diese Herkunft beeinflusst nicht nur ihr Denken, sondern auch ihr Schreiben und ihr Sein.
00:01:49: Und ich glaube, es hat auch die Valera Helden beeinflusst.
00:01:53: Medaille bringt uns die ungerisch-schweizerische Autorin Agatha Christoph mit ins Gespräch.
00:01:59: Agatha Christoph wurde in ungang geboren und musste dann in die Schweiz fliehen, wo sie, als bekannte Schriftstellerin und Intellektuelle, verstarb.
00:02:10: Sie interlässt ein umfangreiches Werk von Prosa, Romanen und Lyrik und Mirale zählt uns, dass sie sich in ihrer Bachelorarbeit mit Agatha Christoph beschäftigt hat.
00:02:20: Wir reden in allererster Linie über Sprache, über das Lesen, über das Verwenden einer Sprache, in der man nicht geboren wurde, die man sich erst aneignen musste, über das Lesen, darüber, wie man sich als Schriftstellerin definiert, wie man Heimat definiert, ob man das überhaupt definieren muss, Herkünfte und was überhaupt das Sein als Schriftstellerin ausmacht.
00:02:41: Das Gespräch hat mir unglaublich viel Spaß gemacht, wie ihr hören werdet.
00:02:45: Miral und ich verstehen uns sehr, sehr gut.
00:02:47: Und Agota Christoph war für mich eine absolute Entdeckung und ich schäme mich ein bisschen, dass ich sie vor diesem Gespräch gar nicht
00:02:54: kannte.
00:02:55: Also hoffe ich, dass es für euch auch eine Entdeckung sein wird und dass ihr bei dem Gespräch genauso viel Spaß habt, wie wir es beim Führen hatten.
00:03:04: Vampire wurde wie immer produziert von Katrin Albrecht und Asja Kurtulu.
00:03:08: Wir freuen uns sehr, wenn ihr uns auf den Plattform Eures Vertrauens abonniert, uns dort ein paar Sterne gebt und uns auf Instagram unter Vampire unter Strich Podcast folgt.
00:03:18: Und jetzt aber ganz, ganz viel Spaß mit Agatha Christoph und Meda'l Kureishi.
00:03:23: Meda'l Kureishi, wie schön.
00:03:25: Guten Morgen, herzlich willkommen zu Vampire.
00:03:28: Hallo.
00:03:30: Ich freue mich, dich zu sehen und dich zu hören und wir haben das jetzt schon eine ganze Weile geplant.
00:03:36: Und jetzt passiert es endlich.
00:03:38: Ich freue mich so, dass du dabei bist.
00:03:40: Danke für deine Zeit und für alles.
00:03:42: Es wird richtig schön.
00:03:43: Ich
00:03:43: freue mich auch sehr.
00:03:44: Danke für die Einladung.
00:03:47: sehr gerne.
00:03:49: Im Vorfeld haben wir relativ viel hin und her geschrieben über wen du sprechen möchtest.
00:03:55: Und das fand ich total spannend, dass du so viele Ideen hattest.
00:03:58: Dann hast du mir mal eine Autorin genannt und da und dann auch mal ein paar verschiedene.
00:04:02: Und es war alles total interessant.
00:04:04: Und ich dachte so, was machen wir denn da?
00:04:08: Bist du irgendwann mal dicht auf die Autorin festgelegt, oder wir uns festgelegt haben auf die Autorin, über die wir heute auch sprechen?
00:04:15: Agatha Christoph, da sprechen wir gleich drüber, dann hast du aber einen ganz interessanten Satz gesagt, weil ich meinte so, ja, wir brauchen irgendwie so, wir müssen eine uns festlegen und dann gucken wir was passiert.
00:04:27: Und dann hast du gesagt, und da sprechen wir bitte auf jeden Fall nachher auch noch drüber, dass du gesagt hast, na ja, ich komme halt nicht vom Lesen zum Schreiben, sondern umgekehrt.
00:04:36: So.
00:04:37: Und das fand ich einen total interessanten Satz und den schiebe ich jetzt mal direkt auf die Warteliste über Dinge, über die wir gleich noch sprechen, weil das ist ein... Also, ich habe dann da so drüber nachgedacht, dass ich dachte, eigentlich stimmt das für mich auch auf eine Art, weil immer wenn man schreibt, dann liest man und findet Dinge und so.
00:04:55: Aber lass uns erst mal mit Agatha Christoph anfangen.
00:04:59: Mal wieder eine Vampire Autorin Heldin, die mir mitgebracht wurde, die ich, ich muss mich wirklich schämend in die Ecke stellen, nicht kannte.
00:05:08: Das war mein Ziel.
00:05:09: Das war mein Ziel.
00:05:11: Ich weiß, das hast du auch bei den anderen auch schon gesagt.
00:05:13: Das kennst du nicht.
00:05:14: Ja, da müssen wir drüber sprechen.
00:05:16: Und dann habe ich als allererstes hier diese Analphabetin aufgeschlagen.
00:05:20: Und ich meine, das Buch hat seventy-fünf Seiten.
00:05:23: Und man sieht, du siehst es jetzt.
00:05:24: Die anderen sehen das nicht, weil wir kein Video haben.
00:05:26: Hier sind ganz viele kleine Posts drin in diesem ganz schmalen Buch.
00:05:31: Ich habe das so weggesuchtet und dann noch ein zweites Mal weggesuchtet.
00:05:35: Und dann habe ich geweint und ... Was für ein fantastisches Buch.
00:05:39: Es ist ein Schlag in die Magengrube.
00:05:42: Ich glaube aus verschiedenen Gründen für Menschen mit ähnlichen Biografien wie du und ich.
00:05:47: Aber fangen wir doch mal ganz von vorne an.
00:05:49: Erzähl uns ein bisschen über Agatha Christoph und wie sie so in dein Leben gekommen ist und warum sie so viel bedeutet.
00:05:58: Ja, also ich muss ja gleich den ersten Satz lesen bei die Analfabetien.
00:06:07: Das ist nämlich ich lese.
00:06:11: Ich glaube, das macht ganz viel oder vielleicht noch was kurz.
00:06:16: Agatha sagt, abends schreibe ich, wie es kommt von Hand, ohne mir wegen der Rechtschreibung Gedanken zu machen, ohne mir zu überlegen, wie es enden soll.
00:06:27: Ich denke an Geschichten, an Dialoge, die ich auf mein Heft schmeiße.
00:06:33: Und dann, wenn die Unordnung darin zu groß geworden ist, setze ich mich vor die Schreibmaschine und mache Ordnung.
00:06:42: Also irgendwie siehst mir, glaube ich, einfach wirklich sehr nahe so alles, was ich von ihr gelesen habe.
00:06:52: Das ist jetzt auch schon die lange her, zwanzig Jahre oder so, als ich mich mit ihr befasst habe.
00:07:00: Sie war meine Bachelorarbeit.
00:07:03: Ach krass, okay, spannend.
00:07:05: Also ein Gedicht von ihr eigentlich, das unveröffentlicht war, habe ich bezogen auf ihr Werk.
00:07:13: Und da habe ich mich mit ihr auseinandergesetzt und ich habe von Anfang an, so wie du auch gesagt hast, bin ich einfach voll reingekommen und dachte, hätte ich jemand, dieser Person schreibt meine Gedanken, meine Gefühle, das, was ich erlebt habe, etwas anders, aber einfach so.
00:07:32: So, so ehrlich, war haftig, nicht wahr, aber ehrlich.
00:07:39: Es hat mich berührt und auch diese Einfachheit, dieser kurzen Setzer, natürlich, sie ist mit einundzwanzig Jahren aus Ungarn geflohen mit ihrem kleinen vier Monate altem Baby und ihrem Geschichtslehrer, das war ihr erster Mann.
00:08:01: Das war, glaube ich, für sie in diesem Alter in die Schweiz zu kommen, nach Lausanne zu kommen, in eine Sprache zu kommen.
00:08:11: sich aneignen musste, mit einundzwanzig, ihr Mann war dann in der Universität und durfte nochmal studieren und sie war einfach mit dem Kind zu Hause und hat ihm das dann auch sehr übel genommen.
00:08:24: Natürlich, weil sie die Möglichkeit nicht hatte und die hat sich das wie selbst beigebracht, war schon auch an der Universität, hat so verschiedene Symptome gemacht, aber die hat sich so diese Sprache selbst angeeignet und sie wollte, sie wollte schreiben und sie wollte erzählen und es musste irgendwie sein und deswegen ist es so stark weil das so dringlich ist und das ist das was ich auch gerne im besten Fall mache oder lese einfach so dass diese Dringlichkeit einfach so groß ist dass egal wo man ist was man macht in welche Sprache das einfach raus muss und ich glaube ganz fest dass das bei ihr auch so war.
00:09:06: Unter diesem Umstände hat ihr dann auch noch in einer Fabrik gearbeitet von morgens bis abends und kam dann abends nach Hause und hat noch geschrieben und hatte noch ein kleines Kind.
00:09:15: Also es musste sein.
00:09:20: Ja, alles, was du gesagt hast, das waren auch alles Dinge, die mich auch total berührt haben, als ich dann angefangen habe, ihre Biografie zu lesen, sie hat in einer Uhrenfabrik gearbeitet und nicht nur das, sondern sie ist da auch jeden Morgen sehr lange hingefahren mit dem Bus und ist abends sehr lange zurückgekommen nach Hause und hat dann eben das Kind versorgt.
00:09:38: und wie du sagst, sich halt das Französische, von der Sprache reden wir jetzt, das Französische selbst angeeignet.
00:09:46: Es wird gesagt, dass sie mit vier schon lesen konnte in Ungarn und auch schon als junges Mädchen und junge Frau auch schon im ungarischen Gedichte und kleine Stücke geschrieben und auch veröffentlicht hat.
00:09:57: Und du hast gerade gerade deine Bachelorarbeit, allen Unveröffentlichtes ihrer Gedichte.
00:10:02: Ist das dann eines der ungarischen Frühen?
00:10:08: Kaum war sie in der Schweiz, hat sie tatsächlich auch französisch geschrieben.
00:10:11: Ich meine, sie spricht das hier auch an.
00:10:13: Weiter geht es bis Lese, also in diese Analfabetien.
00:10:17: Der erste Satz ist ja, ich lese, dann kommt, das ist wie eine Krankheit.
00:10:23: Ich lese alles, was mir in die Hände kommt, vor die Augen, Zeitungen, Schulbücher, Plakate auf der Straße, gefundenen Zettel, Kochrezepte, Kinderbücher, alles, was gedruckt ist.
00:10:35: Ich bin vier Jahre alt.
00:10:38: Der Krieg hat gerade angefangen.
00:10:40: Also ich glaube, die macht schon so... Sie thematisiert das auch immer wieder, was ich auch in meinem Schreiben sehr oft tue.
00:10:50: So diese Erinnerungen, diese Fetzen, wie so in diese Gegenwart nehmen und dann daraus irgendwie eine Lüge machen.
00:11:01: Das werde ich dann auch noch wissen, irgendwo sagt sie das auch.
00:11:04: Es ist wie von einer Wahrheit ausgehend... Aber in Worte fassen und da wird es schon eine Lüge.
00:11:13: Das ist total schön.
00:11:14: Das muss ich mir jetzt erst mal direkt aufschreiben.
00:11:18: Du hast jetzt schon ein paar Mal gesagt oder ich habe es ja auch ein bisschen angespielt, dass dich das auch so abgeholt hat, weil du auch sagst, die erzählt meine Erfahrungen, die erzählt Dinge, die ich irgendwie erlebt habe.
00:11:30: Ich könnte jetzt selber erzählen, was mit deiner Biografie ist, aber erzähle auch selber mal ganz kurz.
00:11:33: Du bist in Prisren geboren.
00:11:35: Genau, ich bin in Prisren geboren, das war damals noch Jugoslawien, jetzt Kosovo.
00:11:41: Meine Familie gehörte einer türkischen Minderheit an, also meine Muttersprache ist türkisch, aber nicht dieses Hochdürkisch, sondern ein alttürkisch-osmanisch fast.
00:11:49: in näher am Persischen eigentlich als am Hochtürkischen hat sich halt auch nicht weiterentwickelt, also schon, aber bei mir jetzt nicht in der Schweiz seit vierzig Jahren oder dreißig.
00:12:03: Aber genau und ich bin dann auch mit zehn Jahren in die Schweiz gekommen, fast zehn Jahre in die Schweiz gekommen und natürlich viel jünger als Aguta, aber so diese Erfahrung und diese Ich weiß nicht, dieses Gefühl, etwas einen Ort zu verlassen, wo die Familie noch ist und die Freunde noch sind und die Cousinen, Cousins und diese Schulfreundinnen, die Schule überhaupt und so sich verabschieden müssen und hier ankommen und alles ist so anders und fremd.
00:12:40: Das macht halt schon was mit einem.
00:12:44: Und das zingt einem dann auch... irgendwie drüber nachzudenken.
00:12:48: Das würde man ja nicht, wenn man da geblieben wäre.
00:12:51: Also es gibt so eine Distanz, es gibt so diese zwei Welten und man ist eben da nicht zwischen diesen Welten, sondern auf diesen Welten und man kann dann auf diese andere Welt schauen und drüber reden.
00:13:07: beobachten, man versteht dann plötzlich diese Welten.
00:13:11: Und das ist natürlich schön, das ist auch eine Bereicherung unbedingt, auch verschiedenen Welten zu sein, verschiedene Sprachen zu sprechen.
00:13:18: Aber es gibt halt Distanz dann auch, damit muss man dann leben.
00:13:23: Und auch Indus schreibt Agotta auch, dass diese neue französische Sprache sie leider von ihrer eigenen Muttersprache wegbringt langsam.
00:13:40: Sie nennt es drastisch, sie nennt es die Feindesprache, weil sie die Muttersprache tötet.
00:13:47: Also mich hat in diesem Buch wahnsinnig vieles sehr berührt und auch sehr abgeholt.
00:13:51: Auch genau das, was du sagst, diese Distanz zu dem, wo man eigentlich herkommt, dann auch so ein bisschen diese ja fast lakonische Bitterkeit, oder man kann es gar nicht Bitterkeit nennen, weil sie einfach weiß, es ist einfach so, wie es ist.
00:14:06: Man kann da jetzt, das kann man jetzt auch nicht werten, dass sie das Französische nie so in der Tiefe durchdringen und beherrschen wird, wie sie ihre Muttersprache spricht und durchdringt und mit ihr schreibt.
00:14:21: Das fand ich auch total faszinierend, was du auch gerade gesagt hast, diese Dringlichkeit sich dann eben so diese Sprache selbst anzueignen.
00:14:29: Und sie kommt aus diesem Ungarn, wo, und das finde ich, Sprache spielt einfach in dieser Analphabe den Klar.
00:14:36: Das Buch heißt die Analphabe, natürlich spielt Sprache deine Rolle H. Dass das auch so ein Aspekt ist.
00:14:44: wenn Ungarn an Russisch besetzt wird und plötzlich alle Russisch sprechen müssen und keiner aber russisch kann, nicht mal die Lehrer.
00:14:50: Ja, das stimmt, dass sie so einen kurzen Kurs besuchen müssen und dann in der Schule unterrichten und sie weigern sich dann so.
00:14:59: Genau, ein Jahr später, das ist hier auf Seite thirty-three, ein Jahr später besetzten andere fremde Soldaten unser Land.
00:15:07: In der Schule wurde die russische Sprache Pflicht, andere Fremdsprachen waren verloren.
00:15:12: Niemand kann die Russische Sprache.
00:15:13: Die Lehrer, die Fremdsprachen unterrichteten Deutsch, Französisch, Englisch, besuchten einige Monate lang Schnellkurse in Russisch.
00:15:20: Aber sie können diese Sprache nicht, sind haben keine Lust, sie zu unterrichten.
00:15:24: Wir Schüler haben keine Lust, sie zu lernen.
00:15:27: Und das ist halt auch so abgefahren.
00:15:29: Also überhaupt diese Vielfach.
00:15:34: Entwurzelung oder das Entreißen eines Sprachankers, was mich auch so total fasziniert hat.
00:15:41: Also ich teile ja mit dir auch so in der Form einer Art Biografie, weil ich ja auch aus einer anderen Sprache komme.
00:15:47: Ein bisschen anders, weil ich habe nur eine Deutschsprache gemutter, aber ich bin in Saudi-Arabien in den Kindergarten zur Schule gegangen.
00:15:53: Meine erste geschriebene und gesprochene Sprache war arabisch.
00:15:58: Und das hat sich aber inzwischen auch, ich bin jetzt auch seit, also seitdem ich zehn, elf bin in Deutschland, in der deutschen Schule und so weiter.
00:16:06: Und das hat sich auch jetzt so, so weit zurückgebildet, dass ich wirklich nur noch so sehr langsam lesen kann.
00:16:14: Ich schreibe so ein bisschen wie ein Kindergartenkind, so ich heiße Rasha, ja, in den arabischen Buchstaben.
00:16:20: Und das sprechen.
00:16:22: ist in den letzten Jahren wieder ein bisschen besser geworden, aber es ist eben halt nicht gut für irgendetwas außerhalb von casual conversations.
00:16:31: Ich
00:16:32: habe auch vor einiger Zeit eine Anfrage bekommen für Ankara und Istanbul, für so Gastdozentin und dann meinte sie so, ja das ist ja super toll, dass du als Muttersprache türkisch hast, könnte man das dann auch so halb halb oder türkisch oder das Gespräch türkisch und so, könnte man schon, aber ... Also ich kann schon Gespräche führen, ganz normal.
00:16:53: Ich rede ja auch türkisch mit meinen Verwandten, auch wenn ich in der Türkei bin.
00:16:56: Aber ich könnte mir das, ich könnte nicht, also mein Vokabular wäre dann so ganz ein anderes, wenn ich dann in der Universität vor Studenten sprechen müsste.
00:17:06: Und ich würde mich das total unwohl fühlen und ich könnte es auch nicht wirklich.
00:17:10: Und dann habe ich gesagt, nein, lieber Englisch.
00:17:11: und dann meinte ich so, ah ja, das habe ich mir gar nicht überlegt.
00:17:15: Aber ja, wenn du dich so weit zurückdest, dass du dir dann auch nicht, dich dann auch nicht getraust, dann in, vor so einem Publikum dann wirklich so in deine Sprache zu sprechen, die dich nicht täglich begleitet.
00:17:33: Total.
00:17:33: Also ich habe genau das gleiche Problem wie du auch.
00:17:36: Immer wenn ich Anfragen kriege für genau diese Workshops zu sagen, so hier leistet doch mal ein Workshop in Cairo und ich so...
00:17:42: Ja,
00:17:43: würde ich voll gerne machen.
00:17:46: Können wir das auf Englisch machen?
00:17:48: Und ich muss sagen, ich weiß nicht, wie es dir da geht.
00:17:50: Ich schäbe mich dann auch immer so ein bisschen.
00:17:51: Ja,
00:17:51: aber das ist auch so schade eigentlich.
00:17:55: Ich habe mir dann auch überlegt, nein, warum nicht?
00:17:57: Wir können ja dann auch so... Ich könnte zum Beispiel die Fragen auf Türkisch annehmen und dann vielleicht... Ich meine, die lachen mich ja dann schon nicht aus.
00:18:07: Oder vielleicht nur ein bisschen.
00:18:09: Aber ich denke, ja, man muss sich dann auch getrauen.
00:18:12: Ich glaube, das ist es auch.
00:18:13: Ich
00:18:14: glaube, es passt zu dieser Sprachsprachlichkeit.
00:18:18: Und zwar auch in der Analphabetin.
00:18:21: auf Seite fifty-fünf.
00:18:24: Streibt sie, wie wäre mein Leben gewesen, wenn ich mein Land nicht verlassen hätte?
00:18:33: Ärmlicher, denke ich, aber auch weniger einsam, weniger zerritzen, vielleicht glücklich.
00:18:40: Was ich sicher weiß ist, dass ich überall und in jeder Sprache geschrieben hätte.
00:18:48: Das hat mich, ich kriege jetzt schon wieder Gänsehaut, da habe ich auch so ein fettes Poster drin, weil das auch ein bisschen passt zu dem, worüber wir jetzt gerade gesprochen.
00:18:54: Was wäre mein Leben gewesen, wenn ich mein Land nicht verlassen hätte?
00:19:00: mich berührt das auch deswegen, weil genau, was du auch gerade sagst, diese einfachen kurzen Sätze, dieses wahrhaftige und auch ohne irgendetwas auszuschmücken.
00:19:13: Also sie hat es überhaupt nicht nötig.
00:19:15: Da ist eine Tiefe der Beobachtung und auch eine so, ja, also Wertfreiheit im besten Sinne, im Sinne von, ich überlasse euch das jetzt zu sehen, dass das eine traurige Geschichte ist.
00:19:29: Ja, es geht
00:19:31: dann immer weiter.
00:19:32: Sie thematisieren das Schreiben eigentlich immer in jedem Buch.
00:19:38: Ich weiß nicht, ob du das auch gelesen hast.
00:19:40: Ich habe das große Heft hier und die Analphabetien und so ein paar Sachen, die ich mir ausgedruckt habe.
00:19:45: Erzähl gerne weiter.
00:19:46: Gestern steht zum Beispiel, man kann seinen Tod nicht aufschreiben.
00:19:51: Das hat der Psychiater zu mir gesagt.
00:19:54: Und ich gebe ihm recht, denn wenn man tot ist, kann man nicht schreiben.
00:20:00: Aber bei mir denke ich, dass ich alles schreiben kann.
00:20:04: Selbst, wenn es unmöglich, selbst, wenn es nicht wahr ist.
00:20:10: Das ist so, das ist so stark einfach.
00:20:13: Auf diese Überzeugung so, ich kann das.
00:20:18: Ja, ja.
00:20:19: Auf, wenn es nicht wahr ist, ich kann das.
00:20:22: Und ich glaube, das ist auch... Wahnsinnig wichtig und zieht sich eben durch all ihre Bücher dieses Thema Schreiten und diese Wörter und diese Sicherheit und Genauigkeit, was ihr natürlich fehlt in der französischen Sprache.
00:20:44: Ich gebe da noch was in das große Heft zum Beispiel.
00:20:50: Das Wort lieben.
00:20:52: ist kein sicheres.
00:20:53: Ah, genau, das Wort lieben, das ist interessant, ist kein sicheres Wort.
00:20:59: Es fehlt ihm an Genauigkeit und Sachlichkeit.
00:21:04: Lüster lieben und unsere Mutter lieben, kann nicht dasselbe bedeuten.
00:21:11: Das ist so, also ich glaube, es ist nicht nur die, das schreiben an sich, sie... sagt er oder behauptet er dann auch öfter, jeder Mensch muss ein Buch schreiben.
00:21:21: Wenn ein Mensch kein Buch geschrieben hat, ist es vergeudet das Leben.
00:21:27: Das finde ich schon sehr toll.
00:21:29: Wir müssen etwas geschriebenes, gedachtes, gefühltes, in Worte gefasstes zurücklassen, um da gewesen zu sein.
00:21:38: Also so ein Beweis.
00:21:41: Und es ist so ihr Beweis.
00:21:43: Und es steht ja auch, also ein Buch Von ihr heißt ja...
00:21:47: heißt der Beweis.
00:21:48: Und ich glaube, das ist auch so was, was wieder so zusammenkommt.
00:21:52: Sie muss sich beweisen, dass sie da gewesen ist und sie muss sich beweisen, dass sie mindestens ein Buch geschrieben hat, sonst kann sie nicht sterben.
00:22:04: Das ist unglaublich auch, also was du gerade sagtest, also du sagst so viele tolle Sachen und ich denke, da muss ich anknüpfen, da muss ich anknüpfen.
00:22:10: Aber ich knüpfe jetzt mal so mitten in der Mitte nochmal kurz an, weil ich das auch so stark finde, diese Überzeugung.
00:22:16: Ich kann das, weil sie in der Anhaltsverbetung auch erzählt, dass sie dann ihren ersten Roman schreibt, mit, ich glaube, über dreißig, wie bis sie dann das manziösische Suche kann.
00:22:26: Ja, sogar dann vierzig oder so.
00:22:29: fast vierzig und dann irgendwie auch darüber schreibt, dass sie niemanden kennt.
00:22:34: und wo schickt sie das denn jetzt hin?
00:22:36: und dann schickt sie das dann drei große französische Verlage und sagt das dann ihrer Tochter, dass sie das jetzt gemacht hat und ihre Tochter meint ja, glaubst du denn, das klappt?
00:22:46: und sie sagt so, ja klar, ich habe einen guten Roman geschrieben.
00:22:51: Das finde ich so großartig.
00:22:53: Aber auch wenn du jetzt mit der Tochter nochmal kurz dranknüpfen, das hat mich nämlich auch total berührt, ist halt ihre Kinder sprechen eine
00:23:01: andere Sprache als sie.
00:23:05: Das finde ich so... Das ist ja irgendwie ein Umstand, den kennen viele Menschen mit... Biografien wie den unseren, ja, dieser Disconnect dann auch zwischen irgendwie der Muttersprache, also der eigenen Muttersprache und dann im Grunde ja der Heimatsprache der Kinder, weil Muttersprache ist es ja nicht, es ist ja nicht die Sprache ihrer Mutter, weil die Sprache der, also die Muttersprache von Agottas Kindern ist nun ungarisch, nicht wahr?
00:23:34: Und irgendwie, wie fühlst du das?
00:23:37: Du hast auch ein Kind und du, aber du sprichst... Ich
00:23:42: habe in meinem ersten Buch Elefanten im Grad, das ist vor zwölf Jahren erschienen, einen Satz geschrieben.
00:23:54: Ich muss kurz überlegen.
00:23:56: Deutsch ist meine Muttersprache.
00:23:59: Nein, warte mal.
00:24:00: Ich mag die deutsche Sprache nicht.
00:24:02: Deutsch ist meine Muttersprache, meine Mutter spricht kein Deutsch.
00:24:08: Mit dem Verlassen meiner Muttersprache habe ich mich selbst verlassen.
00:24:13: So ungefähr.
00:24:15: Ich glaube, das ist schon etwas, was mich auch sehr, also mich sehr mitgenommen hat mit meiner Mutter.
00:24:25: Weil da ist diese Wucht an diese Trennung, diese diese Schlucht, will ich sagen, diese Schlucht, dieser Sprachen.
00:24:42: Ich meine, ich und mein Bruder und meine Schwester haben dann sehr schnell mal Deutsch geredet in der Schweiz und meine Eltern noch nicht.
00:24:51: Und ja, da kann ich wie Agotha verstehen, aber in der umgekehrten Situation, im Sinne, dass die Mutter dann eben eine andere Sprache spricht.
00:25:04: Schon auch meine, aber nicht mehr meine Muttersprache.
00:25:07: Es ist schon meine Muttersprache, aber die beherrsche ich dann doch weniger als das Deutsch.
00:25:12: Und das Deutsch muss ich dann übersetzen, meinen Eltern.
00:25:16: Und ich verstehe es eigentlich noch gar nicht richtig, aber ich übersetze es.
00:25:19: Und es ist auch so ein Phänomen, was ganz viele verstehen und gut ziehen können, dass man plötzlich bei der Ärztin ist mit den Eltern dann so ganz viele Sachen übersetzt, was man gar nicht versteht und dann einfach so tut als... würde man das verstehen, oder in der Schule Sachen
00:25:34: übersetzt.
00:25:35: So, mein Vater, was hat sie gesagt?
00:25:37: Nicht so, ja, alles
00:25:38: gut.
00:25:40: Sie hat nicht gesagt, dass ich die ganze Zeit ohne Aufmerksamkeit herumzappel.
00:25:44: Genau.
00:25:45: Und zu Sachen
00:25:45: halt, ich glaube, meine Eltern haben so gar nichts mitgekriegt von meiner Schulzeit.
00:25:49: Aus diesem Grund, weil wenn sie was mitgekriegt haben, dann aus meiner Sicht und aus meiner Übersetzung.
00:25:57: Ich
00:25:57: glaube,
00:25:58: das ist schon... Ja, da ist ein großer Unterschied.
00:26:03: Aber jetzt die Frage zu mir und meiner Tochter, die ist jetzt vier.
00:26:08: Wir haben ja eine gemeinsame Sprache.
00:26:10: Gemeinsame Sprache.
00:26:12: Ich habe mich schon überlegt, wie rede ich mit ihr auch noch?
00:26:15: Also spreche ich mit ihr türkisch oder nicht?
00:26:17: Und ich habe mich dann entschieden, türkisch mit ihr zu sprechen.
00:26:20: Die Frage war dann auch, spreche ich hoch türkisch mit ihr?
00:26:22: oder dieses altosmanisch versisch halb türkisch.
00:26:27: Als türkisch nennt man das, glaube ich.
00:26:30: Und dann dachte ich so, nee, hochdückisch wäre dann auch so ein bisschen komisch, weil das wäre so gespielt.
00:26:36: Das ist ja nicht eine Sprache, die ich einfach so spreche, was ich mit anderen tue.
00:26:40: Dann habe ich mich tatsächlich entschieden, mit dir alt dückisch zu sprechen.
00:26:44: Und es war einfacher, als sie noch nicht gesprochen hat.
00:26:49: Sie antwortet natürlich immer noch Deutsch.
00:26:51: Und ich bin auch nicht so konsequent.
00:26:54: Wenn andere dabei sind, reden wir eh Deutsch oder Schweizerdeutsch.
00:26:58: Und wenn wir alleine sind, dann switch ich manchmal so rüber und sie sagt manchmal auch so, rede normal mit mir.
00:27:04: Ja, das ist witzig, dass du das sagst, weil ich habe einen Bruder und mein Vater und meine Mutter haben Deutsch miteinander gesprochen, weil die sich in Deutschland kennengelernt haben und mein Vater als Student nach Deutschland gekommen ist und als wir dann auf die Welt kamen und dann in Saudi-Arabien geliebt haben und ich bin da in die Schule gegangen und in den Kindergarten und das Arabisch ist mir, es war für mich meine Sprache und mein Bruder hat das komplett verweigert.
00:27:28: und wenn mein Vater mit ihm arabisch gesprochen hat, hat er, man hat ja zu meinem Vater gesagt, Du bist doch deutscher, sprich, deutsch mit mir.
00:27:37: Und das fand ich immer so ganz... Also auch dann eben diese Wahrnehmung des Kindes, dass das, was für mein Vater seine natürliche Sprache und seine natürliche Umgebung und seine Herkunft ist, ist für mein Bruder total unnormal.
00:27:51: Ja, klar.
00:27:52: Oder ich meine, als Kind will jemand mich auffallen, will dazugehören, will gleich sein und alles, was dann... All diese Abweichungen sind nicht normal.
00:28:05: Das war tatsächlich in Saudi-Arabien selbst.
00:28:07: Also er wäre da eher mit dem Deutschen aufgefallen als mit dem Arabischen.
00:28:11: Er hat es dort total verweigert, also auch dort.
00:28:14: Er ist
00:28:15: dort zu wert gekommen.
00:28:18: In Deutschland aber als Baby drüber gegangen, auch mit uns.
00:28:24: fand ich nämlich auch.
00:28:25: Ich fand das auch immer total interessant, dass er dann dort eben das Arabische auch so verweigert hat.
00:28:29: Und ja, aber ich finde es einfach interessant, wie sozusagen Kinder eine richtige Sprachlichkeit wahrnehmen.
00:28:41: Ja, ja.
00:28:42: Und natürlich
00:28:43: war für deinen Bruder wahrscheinlich, dass deine Eltern Deutsch gesprochen haben.
00:28:46: Ja,
00:28:47: genau, genau.
00:28:48: Das war ja
00:28:48: natürlich normal.
00:28:49: Genau.
00:28:50: Wie so arabisch
00:28:51: mit mir.
00:28:51: Das ist total komisch.
00:28:54: Genau, das ist genau.
00:28:55: Und was ich total schön fand, als wir uns auf Agatha geeinigt haben, war, dass du gesagt hast, sie hat mich zum Nachdenken gebracht.
00:29:02: Und alles, worüber wir jetzt gesprochen haben, denke ich so, ja, das sind Dinge, über die ich auch nachdenke.
00:29:07: Und das hätte mir, glaube ich, auch wahnsinnig geholfen, wenn ich sie auch schon vor zwanzig Jahren entdeckt hätte, über diese Fragen der Sprachlichkeit nachzudenken.
00:29:17: Wo würdest du sagen, also kann man das überhaupt sagen, weil du ja eben sagtest, du kommst halt irgendwie nicht vom Lesen zum Schreiben, hast du das Gefühl, dass du, also nee anders, wenn du dich hinsetzt und schreibst, wo kommen dann, spricht dann so eine Agatha mit dir irgendwie?
00:29:36: Also ich glaube,
00:29:38: alle sprechen mit dir.
00:29:39: Ja, das ist nicht
00:29:40: nur eine Person, die mit mir spricht, natürlich... Aber ich glaube so die Anfänge, also ich wurde das mal gefragt, was so ganz natürliche Antwort als erwartet gewesen wäre, war, ich komme natürlich vom Lesen zum Schreiben und ich habe es dann dann so, nein, nein, nein, wartet mal kurz, können wir kurz über Nacht denken, weil ich glaube nicht, dass es bei mir der Fall ist.
00:30:04: Ich glaube tatsächlich, dass ich zuerst angefangen habe zu schreiben, bevor ich überhaupt ein Buch gelesen habe, also so tatsächlich geschrieben, so... Ja, ich habe immer geschrieben, immer schon geschrieben.
00:30:16: Also, als ich schreiben konnte, auch so mit vier, fünf, sechs Jahren, habe ich dann so... kurze Geschichten aufgeschrieben, so Gedichte aufgeschrieben, die auch immer wieder vorgetragen, erzählt meine Mutter, ich kann mich nicht erinnern, vielleicht lügt sie auch.
00:30:32: Aber ich habe immer geschrieben, weil das so mein Instrument, die war, ich konnte auch nichts anderes, ich konnte ja nicht zeichnen oder tanzen oder sonst was Cooles.
00:30:40: Und dann habe ich halt geschrieben, weil das einfach so rauskam, auch so, weil ich meinen Vater immer schreiben gesehen habe.
00:30:47: Er hat immer wieder, nicht oft, aber er hat Tagebuch geschrieben.
00:30:52: Und ich fand das so schön ästhetisch.
00:30:55: Also ich hatte immer Gerauch dazu und so in seinem Lederbuch einfach so geschrieben.
00:31:01: Und ich dachte so, ich weiß noch diesen Gedanken so.
00:31:05: wie toll, dass man ruhig Gedanken in Worte fassen kann.
00:31:09: Also nicht so gedacht, aber so in dieser Form, so, dass man so ganz ruhig so diese Gedanken, die man im Kopf hat und im Bauch hat, dieses Gefühl irgendwie aufschreiben kann und das rauskommt, ohne laut zu sein.
00:31:22: Das hat mich irgendwie fasziniert.
00:31:23: Und so habe ich ihm dann nachbeahmt.
00:31:25: Ich glaube, alles ist ja Nachahmung als Kind und so habe ich, nehme ich jetzt an, so von weit weg.
00:31:33: habe ich das, wie es so mitbekommen und fand das einfach schön und es hat mich berührt.
00:31:37: Und dann habe ich das halt auch gemacht.
00:31:41: Und immer weiter gemacht.
00:31:42: Ich habe halt nie aufgehört damit.
00:31:44: Ich habe dann einfach jeden Tag Tagebuch geschrieben.
00:31:45: Also ich habe da, guck mal, ich zeig es dir.
00:31:48: Ja, dann können Sie sich jetzt nicht sehen.
00:31:49: Aber es sind hier schwarz.
00:31:52: Ja, guck mal da.
00:31:55: Siehst du es ein bisschen?
00:31:56: Ich weiß nicht, ob ich dir das jetzt hier auch zeigen kann.
00:31:58: Ich habe nämlich hier auch so eine... Wand, das sieht man da hinten.
00:32:03: Ja, die Fabien, das sind so Simikolan Bücher, das sind auch zwei, zwei Fächer voll, das sind meine Notizbücher.
00:32:09: Ja, und das sind wirklich, nein, das sind keine Notizbücher, das sind Tagebücher.
00:32:14: Also Tagebücher.
00:32:15: Okay, das sind richtige Tagebücher.
00:32:16: Jeden Tag eine Seite.
00:32:18: Also das habe ich einfach seit ich Kind bin und irgendwann hat es.
00:32:22: dann hat die Sprache gewechselt und sah sehr schnell auf Deutsch.
00:32:27: Und sehr schlecht auf Deutsch.
00:32:29: Aber sehr witzig.
00:32:32: Und genau, und so hat es angefangen.
00:32:34: Und deswegen sage ich, ich habe dann erst mit dem Schreiben, mit diesen Geschichten erfinden und alles gelogen.
00:32:41: Natürlich Tagebücher, aber alles, alles gelogen.
00:32:43: Alles, alles.
00:32:44: Also weißt du, nichts,
00:32:46: nichts.
00:32:47: Nichts ist wahr.
00:32:47: Nichts
00:32:48: ist wahr, dass ich eine Mutter, ein Vater und ein Bruder habe.
00:32:52: So ungefähr.
00:32:52: Alles andere ist einfach total gelogen.
00:32:55: Und durch diese...
00:32:57: Das vermerken wir jetzt hier für Schweizerische Literaturarchiv, wenn Sie mir da als Bücher... Ihre gesamten Tagebücher mal rausgeben fürs Vorwort.
00:33:06: Alles ist genogen, sagt die Autorin selbst.
00:33:10: Und da bin ich dann auch wieder mit Agatha Christoph, wo sagt, wo ich total verstehen kann, dann kommt jemand und sagt das, wirklich schreibt das auch und ich denke, ja, natürlich, nämlich mit... allen diesem Gedanken und diesem Gefühl, die man dann so in Worte fassen will, sogar im Sprechen, es geht einfach nicht.
00:33:30: Es wird dann keine Wahrheit.
00:33:31: Es bleibt keine Wahrheit.
00:33:33: Es war auch keine Wahrheit.
00:33:34: Es war so ein Moment und dann vergeht das einfach.
00:33:37: Und dann fühle ich mich einfach immer wieder so sehr verstanden in ihrem Schreiben und in ihrer Literatur.
00:33:46: Ah, das schreibt sie zum Beispiel.
00:33:47: Schreibt sie die dritte Lüge in der dritten Lüge.
00:33:51: Schreibt sie.
00:33:55: Ich glaube nur, dass sie die Wirklichkeit mit ihrer Literatur sagt ein Offizier zu einer Frau.
00:34:08: Nein, ich glaube nur, dass sie die Wirklichkeit mit der Literatur verwechseln, mit ihrer Literatur.
00:34:14: Und das fand ich so berührend, weil das passiert mir manchmal tatsächlich.
00:34:19: Also, dann schreibe ich eine Lüge.
00:34:21: Und dann irgendwann erzähle ich sie und höre mich dabei und denke so, ne, warte mal kurz.
00:34:29: Habe ich das wirklich erlebt oder habe ich das aufgeschrieben?
00:34:34: Und ich habe das
00:34:35: aufgeschrieben
00:34:36: und dann habe ich selbst dran geglaubt, dass es wahr war.
00:34:41: Und das fand ich schon, ich meine, dass das dann hier steht und ich denke so... Hey, was bist du denn für eine?
00:34:50: Dann möchte ich einfach genau das Aussprechen sagen kann, was ich denke.
00:34:57: Dann schreibt sie noch, er redet in einer Sprache, die ich eigentlich nicht verstehen sollte, die ich aber doch verstehe.
00:35:06: Einfach all diese Sachen, also ich könnte alles zitieren, was da eigentlich steht.
00:35:10: Ja, ich sag nur noch mal, hier sind seventy-fünf Seiten, eine Million Post-Sitz in diesem kleinen Buch.
00:35:15: Und im großen Heft habe ich jetzt, ich hatte keine Post-Sitz-Meter, habe ich einfach nur Sachen unterstrichen und irgendwie mir Esels-Öhrchen gemacht in die Seiten.
00:35:24: Aber lasst uns mal kurz, also ja, erzähl mal.
00:35:30: Ist es eine Art Tagebuch?
00:35:32: Sagt er?
00:35:33: Klaus?
00:35:34: Nein, es sind Lügen, sagt sie.
00:35:37: Lügen?
00:35:38: Ja, erfundene Dinge halt, Geschichten, die nicht wahr sind, aber wahr sein könnten.
00:35:44: Klaus sagt, Lernen Sie möglichst schnell unsere Sprache bitte.
00:35:52: Also das ist ja so krass, diese ja, Lügen, erfundene Dinge, Geschichten, die nur wahr sind, nicht wahr sind, aber wahr sein könnten.
00:36:00: Und ich glaube, wenn wir dann immer weiter schreiben und denken, ja, das ist eigentlich passiert, aber ja doch nicht genau so, glauben wir dann irgendwie dran, dass es so war und verschönern so mit dieser Realität, im besten Fall.
00:36:14: Das schreibt sie auch, dass sie das macht.
00:36:16: Sie hat nur angefangen zu schreiben, damit sie flüchtet.
00:36:20: Also flüchtet aus dieser Wahrheit und sie hat sich so eine andere Wahrheit aufgeschrieben.
00:36:26: Ich glaube, ich habe nichts anderes gemacht.
00:36:30: Ähm, wiederum.
00:36:33: Miral sagt tausend Sachen, wo ich anknüpfen kann.
00:36:35: Wo knüpfe ich jetzt an?
00:36:38: Ähm... Eine Sache, die ich total schön fand, weil du das auch gerade gesagt hast, die flüchtet sich aus der Realität, ist auch in der Anhalte verbieten, wo sie dann beschreibt, dass es in der Urnenfabrik so gut ist, um Lyrik zu schreiben, weil alles so monoton ist und diese Abläufe sind und sie dann sagt, sie hat einen Rhythmus, der ihr vorgegeben wird für diese Sprache.
00:36:54: Also sie hat einfach so wahnsinnig, wie du auch sagst, für mich ist auch also das, was ich gelesen habe, diese zwei Bücher, die Anhalte verbieten und das große Heft.
00:37:00: Ich habe dann ja auch ein bisschen über sie recherchiert und Ja, das liegt nah, dass vieles, was über sie geschrieben wird, auch die Nachrufe, sie ist es, es ist es, es ist es, es ist es, es ist es, es ist es, es ist es, es ist es, es ist es, es ist es, es ist es, es ist es, es ist es, es ist es, es ist es, es ist es, es ist es, es ist es, es ist es, es ist es, es ist es, es ist es, es ist es, es ist es, es ist es, es ist es, es ist es, es ist es, es ist
00:37:22: es, es ist es, es ist es, es ist es, es
00:37:23: ist es, es ist es, es ist es, es ist es, es ist es, es ist es, es
00:37:25: ist es, es ist es, es ist es, es ist
00:37:28: es, es ist es, es ist es, es ist es, es ist es, es ist es, es ist es, es ist es, es ist es, es ist.
00:37:32: Habe ich hier stehen?
00:37:32: Ich glaube, Ihre Themen sind eigentlich Sprache und Liebe, was irgendwie auf das Glamm
00:37:37: ist.
00:37:37: Was du zusammengehört, ja.
00:37:39: Danke.
00:37:40: Liebe, Liebe zu das, was man tut, was sie tut, also das Schreiben.
00:37:45: Liebe zu
00:37:47: diesen Menschen.
00:37:48: Zu Welt.
00:37:48: Liebe
00:37:49: zu sich, auch wenn sie sich manchmal... Aber diese Liebe und auch Liebe zu den Personen, sie schreibt eigentlich immer über Liebe und einmal fragt sie sich sogar, wieso kann man eigentlich nicht über Liebe schreiben?
00:38:05: Wieso schreibt das nicht mehr modern über Liebe zu schreiben?
00:38:07: Wieso schreiben wir nicht mehr über Liebe?
00:38:09: Das ist doch das Schönste und Wichtigste auf der Welt.
00:38:11: Aber auch wenn man das nicht tut, auch wenn es nicht modern ist, ich tue es.
00:38:15: Und das finde ich schon eben auch wieder diese Dringlichkeit, so wie egal was von mir verlangt wird oder was gerade modern ist, ich schreibe über Liebe.
00:38:25: Und ich habe ja am Anfang das gelesen mit der, was ist eigentlich Liebe oder die Definition von Liebe, das ist ungenau.
00:38:32: und dann versucht sie eigentlich in all ihren Büchern irgendwie diese Genauigkeit herzustellen und das ist so interessant.
00:38:40: Ich finde ja auch, also weil du sagst Genauigkeit, Ich weiß gar nicht so genau.
00:38:50: Manchmal hatte ich auch ein bisschen das Gefühl, dass ihr Präzision gar nicht so wichtig ist im Sinne von, dass jetzt Begriffe unbedingt eine Definition oder eine Bedeutung für uns haben müssen, weil das berühmte Beispiel, ich sage Stuhl, du denkst an einen völlig anderen Stuhl als ich, aber die Essenz des Stuhles, des Möbels, auf dem man sitzt, ist für uns beide das Gleiche.
00:39:14: Und so ein bisschen habe ich das Gefühl, Schreibt sie auch.
00:39:17: Also sie schreibt einfach von Umständen, die du, wenn du ein offenes Herz hast, verstehen solltest.
00:39:24: So.
00:39:24: Ohne beschrieben dazu.
00:39:26: Also ohne, dass sie es so sehr beschreiben muss.
00:39:28: Ich meine...
00:39:29: Genau, genau.
00:39:30: Das ist ja
00:39:30: gelesen.
00:39:31: Die anderen Verbete ist ja also... Kürzer geht gar nicht mehr.
00:39:36: Ja, nee.
00:39:36: Seitens.
00:39:37: Und riesengroß gedruckt.
00:39:40: Ja, ja.
00:39:41: Und jetzt sind es so dreißig Seiten.
00:39:43: Ich wollte sagen, das könnte auf dreißig Seiten stattfinden, ja.
00:39:46: Das ist eigentlich ein Essay.
00:39:47: Genau.
00:39:48: Und ich glaube auch, das ist genau das, was du sagst.
00:39:51: Sieh, es ist so dicht und so kein Blabli, Blabla dazwischen.
00:39:59: Jeder Satz sitzt, so wie eben der erste, ich lese.
00:40:03: Ich meine, wer fängt so an?
00:40:05: Wer fängt so an?
00:40:07: Ich meine, wie geil ist das?
00:40:09: Das ist der beste Anfang.
00:40:12: Also... Ich lese.
00:40:15: Und das ist schon, ich mein, ja genau, sie verzichtet auf alles Mögliche, aber sicher auch da, also sicher auch deswegen, also wegen der Sprache natürlich, also wegen dem Französisch, aber auch, das macht ja was mit ihr dieses Schreiben und dieses Französisch.
00:40:35: Ich denke, ich denke auch immer wieder so, oder so diese Gedanken, was wäre aus mir geworden, wenn wir nicht in die Schweiz gekommen wären.
00:40:44: Das ist ja immer so da, weil so dieses Leben so unterbrochen wurde.
00:40:50: Und dann denke ich wieder, würde ich, ja schreiben würde ich wahrscheinlich, weil jetzt habe ich ja schon vorher gemacht, aber wie würde ich schreiben?
00:40:57: Ich würde nicht... Darüber schreiben, worüber ich jetzt schreibe, darüber nachdenken.
00:41:01: Ich habe diese Erfahrungen ja jetzt machen können und durch diese Sprache, die einem so fremd war und immer sein wird, weil man, Entschuldigung, weil man halt so spät in dieser Sprache angekommen ist, zu spät eigentlich, um sie einfach so richtig, richtig zu lernen, fehlt ist eine Distanz.
00:41:25: Und ich glaube schon sehr, dass diese Distanz aber auch diese Bereicherung ist.
00:41:30: Diese Distanz ist so wichtig, dass wir dann eben so schreiben, wie wir schreiben, mit in dieser Dichte, in dieser Kürze, in dieser Angst auch nicht verstanden zu werden oder überhaupt in diese Angst, dass jemand nicht gut versteht, weil was ich sagen will und deswegen entstehen dann so Bilder, also Bilder durch also so Metaphern, Bilder, durchs Schreiben, so Erklärungen sozusagen, also Erklärungen, die sonst nicht stattfinden würden, wenn diese Distanz nicht da wäre.
00:42:13: Und auch schon so vom Schweizerdeutsch zum Deutsch.
00:42:16: Ich meine, ich habe jetzt zuerst Deutsch gesprochen und dann irgendwann sehr später Ich hätte das wahrscheinlich schon vorsprechen können.
00:42:25: Ich habe mich einfach gestimmt.
00:42:27: Und das ist ja auch so was.
00:42:29: Ich meine, ich spreche ja Schweizerdeutsch mit meiner Familie, meinen Freunden, mein Alltag ist Schweizerdeutsch.
00:42:34: Aber lesen, schreiben, tue ich Hochdeutsch.
00:42:37: Und das ist auch schon wieder eine Distanz.
00:42:40: So zwischen diesem gedachten und geschriebenen.
00:42:45: Und das bringt einen nochmal.
00:42:47: zum Nachdenken macht einen langsam und versucht auch, ja, es sind Sachen, ich merke es jetzt schon, wenn ich mit dir spreche.
00:43:01: Es ist anders, ich spreche anders mit dir, als wenn ich jetzt auf türkisch oder schweizerdeutsch mit dir sprechen würde.
00:43:08: Es sind einfach... Aber es ist gut, es ist besser, finde ich, weil es ist präziser.
00:43:15: Das wollte ich damit sagen.
00:43:16: Nicht präzise im Erklären, aber präzise im Nachdenken.
00:43:22: Weil man ein bisschen mehr Zeit dafür braucht.
00:43:26: Und weil man natürlich, also beispielsweise in unserem Fall, gewissermaßen den gemeinsamen Kreis einfach teilt, ist Hochdeutsch.
00:43:33: Also wenn du jetzt mit mir Schweizerdeutsch oder auch gar Türk gesprechen würdest, da kämen wir nicht besonders weit.
00:43:39: Und ich glaube, weil du gerade gesagt hast, das hat mich jetzt gerade auch total berührt, und da würde ich dich gerne fragen, du hast gerade gesagt, die Angst nicht verstanden zu werden beim Schreiben.
00:43:48: Ist das was, was dich beim Schreiben umtreibt, tatsächlich?
00:43:51: Ja, also immer noch.
00:43:52: Das ist witzig, ja.
00:43:54: Das werde ich irgendwie nicht los.
00:43:56: Ich nehme es jetzt einfach auch an.
00:43:59: Aber es ist tatsächlich so, dass ich... sehr neidisch bin auf Menschen, die ihr Leben lang in einer Sprache aufgewachsen sind, groß geworden sind, in der Kindersprache, in der ersten Sprache groß geworden sind.
00:44:14: Diese erste Sprache immer weitergegangen ist, weitergehen durfte, nicht gestoppt wurde, nicht gebrochen wurde.
00:44:22: Natürlich kann man auch sagen, wenn etwas gebrochen wird, kann was Neues wachsen und so, das stimmt alles.
00:44:30: Aber gleichzeitig wird es eben gebrochen.
00:44:31: Und je tiefer dieser Bruch das... Ja, man sieht es halt.
00:44:35: Man sieht es halt.
00:44:36: Dieser Bruch oder es ist dann so wie so ein Knochen gebrochen ist.
00:44:41: Und dann baut sich der Knochen ja so ein bisschen auf.
00:44:44: Es ist ein bisschen dicker da, wo es gebrochen wurde.
00:44:48: Als Schutz.
00:44:49: Das ist ein schönes Bild.
00:44:51: Und
00:44:51: das ist glaube ich schon so sichtbar halt.
00:44:54: Sichtbar, vielleicht nicht mehr hörbar, weil ich ein guter... Papagei bin, aber sichtbar schon, auch fühlbar so in mir, dass ich dann denke so, ah, kann man das so schreiben?
00:45:07: Mein Lächter sagt doch, kann man das so gar nicht schreiben?
00:45:10: Ich so, aha, okay, aber können wir es doch behalten?
00:45:15: Es ist so Sachen, die gar nicht gehen, Sachen, die gar nicht funktionieren, Sachen, die ich wiederhole, ich fühle mich schon nicht so sicher, weil das halt, ja, Ich hab dann mit zwölf, dreizehn Deutsch geredet erst, wahrscheinlich, gelernt richtig.
00:45:30: Ein Jahr durfte ich ja auch nicht zur Schule und so.
00:45:33: Schweizer Politik.
00:45:35: Aber
00:45:36: ja, das fehlt einem dann irgendwo.
00:45:40: Und ich tust dann so überspielen mit dem, was ich mache.
00:45:48: Aber eigentlich ist es meine größte Angst, was ich mache.
00:45:51: Also, zu öffentlich zu sprechen.
00:45:55: in eine Sprache, wo ich denke, sie ist mir eigentlich gar nicht gegeben worden, eben angeeignet, irgendwann, so selbst.
00:46:07: Und dann noch zu schreiben in dieser Sprache.
00:46:10: Es wird dann genauso gedruckt, man kann es genauso lesen.
00:46:14: Es ist dann vielleicht falsch, weil mein Mann es so nicht sagt.
00:46:19: weil es neue Formulierungen sind, weil es vielleicht auch wie Übersetzungen, Eins- und Seinsübersetzungen sind, was irgendwie witzig ist.
00:46:27: Und dann auch noch auf einer Bühne zu sein und in einem Mikrofon zu sprechen und zu antworten auf Fragen.
00:46:39: Das ist ohnehin eine unfassbar bizarre Situation.
00:46:42: Ja, so lange ich meine, find's meine größten Ängste.
00:46:45: Und wie stelle ich mich, oder wie stelle ich, ja ... Man fragt sich dann so, was macht man mit diesen Ängsten?
00:46:54: Und ich lebe sie halt irgendwie.
00:46:59: Ich stell mich einfach auf die Bühne, auch wenn ich danach Kopfwege kriege.
00:47:07: Damit ich dann doch alles irgendwie, damit ich richtig zuhöre und auch antworten kann.
00:47:13: Ich meine, jetzt hast du mir natürlich den perfekten Aufschlag gegeben, um was zu sprechen, wo wir überlegt haben, ob wir dann noch darüber reden wollen.
00:47:20: Wollen wir darüber reden?
00:47:21: Wir sitzen auf der Bühne und überlegen, was wir sprechen und verstehen.
00:47:29: Das sind so die Erfahrungen, die man dann macht auf der Bühne, ganz unterschiedliche.
00:47:33: Manchmal wird man verstanden, manchmal wird man gar nicht verstanden.
00:47:36: Und wie reagiert man dann so in einem öffentlichen Raum auf der Bühne gegenüber einer sehr großen Person literarisch in der Öffentlichkeit?
00:47:49: Wie reagiert man da dann?
00:47:52: gegenüber einer Person, die einem offensichtlich angreift und nicht verstehen will oder falls versteht oder Sachen in Mund legt.
00:48:05: Ja, zur Erklärung für Hörerinnen.
00:48:09: Meral und ich haben uns kennengelernt im letzten Jahr in Sagreb.
00:48:12: Das war sehr schön.
00:48:13: Das war so ein Instant
00:48:14: Spark
00:48:16: zwischen uns.
00:48:16: Wir waren bei einem Festival, weil die kroatischen Übersetzungen unserer Bücher dort präsentiert wurden.
00:48:21: Wir hatten sehr viel Spaß.
00:48:23: Und wir waren gemeinsam dann auf einer Bühne.
00:48:28: Und das ist ein bisschen eskaliert mit anderen Festival-Teilnehmern.
00:48:33: Bewusst ist nicht gegenderte.
00:48:37: Große Figuren, literarische, ältere, nicht auf Kalla.
00:48:46: Alte weiße Männer.
00:48:48: Sag doch, wie sie es hatten.
00:48:50: Ich sage doch einfach, es ist alte weiße Männer, hatten das Gefühl, dass sie sich jetzt beschweren müssen, dass sie ja gar nichts mehr sagen dürfen.
00:48:59: Also das übliche Gejama, ja.
00:49:02: Und Medaille hat dann sehr stark dagegen gehalten und auch auf eine Art und Weise, die diesen alten weißen Männer nicht gepasst hat.
00:49:11: Und ich war in diesem Moment... Widersprochen!
00:49:15: Widersprochen!
00:49:16: Ich meine, das hat schon angefangen damit, dass ich widersprochen habe.
00:49:20: Das geht ja gar nicht, widersprechen.
00:49:24: Ja.
00:49:25: Ja, widersprechen.
00:49:26: Tatsächlich wirklich.
00:49:27: Und ich schwebte in dieser Situation so über mir und beobachte das so.
00:49:32: Und sie drehte sich immer zu mir und sagte, sag doch mal was ich verstehe.
00:49:38: Ich verstehe gerade nicht, was hier passiert.
00:49:40: Erst im Nachhinein ist mir aufgefallen.
00:49:43: Das war mir in dieser Situation gar nicht richtig aufgefallen.
00:49:47: Es ging um sehr viele Dinge, aber es ging unter anderem von Seiten der alten weißen Männer um die Verwendung des Endwortes.
00:49:54: Dass man das ja gar nicht mehr darf.
00:49:57: Hinterher ist mir erst aufgefallen, dass wir zwei als nicht deutsch deutschstämmige deutschsprachigstämmige beide muslimischstämmige frauen jüngere frauen auf der bühne dass uns das angetragen wurde.
00:50:13: und das ist mir erst erst aufgefallen eine stunde nachdem wir von der bühne runter gegangen sind dass ich dachte so das ist doch nicht wahr dass das jetzt gerade hier diesen eklat ausgelöst hat wo einer der alten weißen Männer kaum war, irgendwie die Veranstaltung, der von der Bühne gestürmt ist, wirklich und einfach den Raum verlassen hat.
00:50:33: Und dazu fällt mir auch nur, um den kleinen Zirkel wieder hinzukriegen auf und ein, dass ich gelesen habe, dass Orgator Christoph eine sehr, sehr zurückgezogene Person war und sehr ungern Interviews gegeben hat und sehr ungern in der Öffentlichkeit war, was mir sie nur noch sympathischer macht.
00:50:52: Und ich mich dann frage so, das ist auch eine Strategie, diesen Situationen aus dem Weg zu gehen, aber andererseits ist es natürlich in der Welt, in der wir leben, nicht sehr möglich.
00:51:04: Und was machst du mit solchen Situationen wie dieser jetzt, außer dass man einfach Kopfschmerzen hat für anderthalb Tage?
00:51:10: Ja, also ich fand diesen Auftritt auch sehr anstrengend.
00:51:13: Ich habe mir auch während dieses Gesprächs, was ein Podium überlegt, ob ich was sagen soll.
00:51:20: habe mich dann entschieden, was zu sagen, und zwar laut und deutlich.
00:51:28: Und ich habe dann schon gemerkt, so, ja, okay, zu dem Nachhinein, im Nachhinein ist es ja immer so, entweder hätte ich was sagen sollen oder ich hätte es anders sagen sollen.
00:51:40: Und ich hätte gerne dieses nachher und ein bisschen vorher nachher gerne auf der Bühne gehabt.
00:51:48: Also manchmal,
00:51:50: ja, wir sind halt auch emotionale Menschen und reagieren auf Sachen, die einem stören und die auch, die man so gar nicht, nicht mal, ich meine, ich wollte es ja verstehen.
00:52:03: Ich habe ja ein Gespräch gesucht.
00:52:05: Ich wollte es verstehen.
00:52:06: Ich habe es einfach tatsächlich nach drei Erklärungen immer noch nicht verstanden.
00:52:10: Und es gibt auch nichts zu verstehen.
00:52:12: Und
00:52:13: dann, wenn man halt zu Sachen gefragt wird, wieso schreibt ihr und ich sage dann Ausdringlichkeit, weil ich irgendwie will und muss und das gerne tue, ausgelacht werde, ausgelacht werde und die andere Antwort ist ja fürs Geld verdienen natürlich.
00:52:32: Dann denke ich mir so, ja ja, man kann schon schreiben fürs Geld verdienen, im besten Fall verdiene ich Geld damit, das streite ich nicht ab.
00:52:40: Also ich Ich finde es schön, wenn ich damit auch Geld verdienen kann, aber das ist nicht meine erste Überlegung, wenn ich schreibe.
00:52:50: Und dass ich dann so als naiv, also wortwörtlich, oder?
00:52:56: Naiv und...
00:52:57: Ideologin, haben Sie gesagt auch.
00:52:59: Das fand ich persönlich ganz schön.
00:53:00: Ideologin.
00:53:01: Habt
00:53:02: klischiert.
00:53:04: Klischiert wurde auch gesagt, ja.
00:53:06: Als klischiert beschimpft werde.
00:53:09: Und wenn ich dann widerspreche... Das nicht darf, aber die anderen dürfen.
00:53:17: Fand ich schon schwierig, doch.
00:53:18: Ich fand dann so, hey, das geht irgendwie zu weit.
00:53:22: Ich muss mich irgendwie hier wehren, weil wieso sollte ich da auf der Bühne beschimpft werden?
00:53:27: Und wenn ich zurückrufe, zurückbälle, dann werde ich zurückgehalten und wird mir verboten.
00:53:39: Ich finde halt, also auch... eben im Nachhinein, mich hat das auch lange beschäftigt, im Nachhinein nochmal auch so interessant oder auch einfach eigentlich nicht interessant, weil so boring und so normal leider, dass halt jemand, der sagt, eine Frau mit einer sehr, wie soll ich sagen, facettenreichen Geschichte.
00:54:05: Und dass auch sich in ihrer Literatur wiederfinden, sowohl sprachlich als auch biografisch und so.
00:54:10: Und die Fragen, die dich umtreiben, über die wir jetzt die ganze letzte Stunde gesprochen haben, gerade auch über die Sprachlichkeit und über das Nachdenken präzision, war ein Wort, über das wir viel geredet haben, dass dann dieses Nachdenken... Ähm, als ideologisch bezeichnet wird, weil daher kommt ja die Dringlichkeit, dass du das, dass du darüber nachdenken möchtest.
00:54:32: Ich auch.
00:54:32: Also wir denken über völlig andere Dinge nach, weil wir gezwungen worden sind,
00:54:37: über
00:54:38: viele Dinge nachzudenken, über die diese Typen
00:54:40: niemals
00:54:40: nachdenken mussten.
00:54:41: Nie.
00:54:42: In ihrem ganzen Leben.
00:54:43: Die mussten bestimmt über andere Sachen nachdenken, aber nicht über so essentielle Dinge wie irgendwie, wenn ich jetzt nochmal ganz schnell hier die Agatha irgendwie ähm... ranziehen darf, der letzte Absatz der Analphabetin, ich habe diese Sprache nicht gewählt.
00:54:57: Sie ist mir aufgedrängt worden vom Schicksal, vom Zufall von den Umständen.
00:55:02: Ich bin gezwungen französisch zu schreiben.
00:55:04: Es ist eine Herausforderung, eine Herausforderung für die Analphabetin.
00:55:12: Es ist so
00:55:12: fantastisch, oder?
00:55:14: Und da habe ich dann nämlich eben auch nochmal dran gedacht, dass halt das ist ein Umstand.
00:55:20: Der wird von diesen Dominanz, Kultur, Menschen überhaupt nicht anerkannt als etwas, was halt als Quelle des Schreibens und als Antrieb des Schreibens dient, weil die halt irgendwie in ihrem Elfen beim Türmelein sitzen und irgendwie so genikult.
00:55:39: Und das hatte sich eigentlich da auf dieser Bühne manifestiert.
00:55:44: Und das ist eben auch nochmal, das ist ja auch so ein Vampire-Dauerthema, wie Frauen gelesen werden, verstanden werden, wie ihnen das Sprechen sozusagen zugeteilt wird, was in Frage gestellt wird oder belächelt wird, ausgelacht wird, kritisiert wird, Sprechverbot erteilt wird, zensiert wird, was auch immer.
00:56:10: während der weiße Mann aus der Dominanz Kultur einfach jeden Scheiß von sich geben darf.
00:56:15: Ja, total.
00:56:17: Und da
00:56:18: war das halt auf dieser Bühne, wo wir zusammen waren, war das halt so wirklich so ein Pieck für mich, wo ich so dachte, nee, da... Das lass ich mir jetzt echt nicht gefallen.
00:56:30: Ich bin ja auch gegangen.
00:56:32: Wir haben uns verabschiedet.
00:56:33: Das war das letzte Mal zu uns gesehen haben.
00:56:36: Danach musste ich
00:56:38: sofort aufbrechen.
00:56:40: Und ich habe wirklich einfach den ganzen Weg geschlucht, geweint.
00:56:45: Es kam alles raus.
00:56:46: Es war so.
00:56:48: schrecklich konnte kaum schlafen, weil ich mir natürlich überlegt habe, so wie hätte ich es besser machen können und wie hätte ich dieses Gespräch anders suchen können oder wie hätte ich jetzt ihn nochmal erklären können?
00:57:03: und was haben die mir eigentlich angetan?
00:57:05: Das war so eine Gewalt, dass dann so raus kam und ich dachte, nee, das darf eigentlich nicht passieren.
00:57:14: Ich bin da auch rausgestimmt, ich hatte meine beste Freundin dabei als Begleitung bei dem Festival.
00:57:19: Ich bin da nur rausgestimmt, es hätte eigentlich danach noch ein Essen geben sollen, wo ich dann auch mich verabschiedet und gesagt habe, ja, ich konnte da jetzt leider nicht mehr hin.
00:57:25: Und ich muss dazu sagen, ich habe wirklich erfolgreich jahrelang nicht geraucht und habe dann irgendwie eine Packung Zigaretten gekauft.
00:57:33: Irgendwie, da sitze ich so eine halbe Schachtel Kippen, irgendwo weg geraucht.
00:57:38: Ich bin ja nicht Fan von Schuldigen suchen, aber das ist doch die Aufgabe einer Moderation.
00:57:45: Ja, die Moderation hat völlig versagt.
00:57:47: Sowas
00:57:47: zu unterbrechen und damit zu sprechen und vielleicht auch zu sagen, wir wechseln jetzt das Thema oder, oder, oder.
00:57:55: Ich meine, ich bin dann mit meiner Tochter und mit meinem Partner bin ich da zum Bahnhof gelaufen und meine Tochter hat mich dann so gesehen, also in diesem Zustand in diesem Weinen und Schluchzen und einfach fast mich übergeben, lauter, schlecht sein und meinte dann zu mir, Mama, du musst nicht traurig sein, du hast das ganz gut gemacht.
00:58:22: Ach du Süße.
00:58:23: Ja, eigentlich.
00:58:25: Ja, voll.
00:58:26: Du hast echt, ich habe das voll gut gemacht.
00:58:30: Ja, wir haben dann in dem Abend auch noch zweimal telefoniert.
00:58:35: Aber ich muss sagen, irgendwie muss ich, also ja, das war alles schlimm und schrecklich.
00:58:41: Aber jetzt, gerade wenn wir so darüber reden, denke ich irgendwie, zeige ich das auch einfach nur mal wieder, wie lächerlich diese Menschen halt sind.
00:58:47: Und wie weit weg von der Realität.
00:58:50: Also ich habe auch wirklich schon lange keine Diskussion, kein Panel mehr erlebt, keine Veranstaltung, in der sozusagen Literatur so in dieser Elfen... bei einem Bubble behandelt wird und gar nicht in irgendeiner Form diskursiv eingeordnet wird im Hier und Jetzt so.
00:59:04: Also das hat einfach auch schon mal gezeigt, wo wir hier gerade sind.
00:59:09: Das hat auch dann hinterher ja irgendwie vielen Menschen nochmal irgendwie... Also es gab dann ein Artikel über dieses Festival, wo es dann irgendwie auch nochmal gesagt wurde, wie Albern diese Typen irgendwie waren und wie nicht so... Also wirklich nicht... Ja.
00:59:24: nicht im Recht, aber ja, das wollten wir auf jeden Fall auch noch mal hier on the record haben.
00:59:29: Vielleicht
00:59:29: ja natürlich auch über diese diese Bühnenerfahrung zu sprechen.
00:59:33: Ich meine, Agota hat sich wahrscheinlich auch nicht umsonst zurückgezogen von dieser Bühne und den Interviews.
00:59:39: Ich meine natürlich, vielleicht auch, sie war ja wahrscheinlich auch sehr eine interpretierte Frau, aber auch, ja, ich meine, meine Arbeit ist ja das Schreiben.
00:59:51: dass wir einiges nachdenken, dass irgendwo sitzen und beobachten.
00:59:56: Und meine Arbeit oder meine Aufgabe ist nicht auf der Bühne sein und über meinen Schreiben zu sprechen.
01:00:04: Das ist total schwierig und total was anderes.
01:00:08: Und deswegen verstehe ich sehr gut eigentlich dieses dieses zurückziehen, weil also ich will mich damit auseinandersetzen, aber es fällt mir echt schwer, echt diese Interviews, dieses Übersbuch, Überschreiben zu sprechen.
01:00:24: Ich finde es spannend, aber es fällt mir total schwer und ich kann es eigentlich nicht.
01:00:28: Ich kann es nicht.
01:00:29: Ich versuche es, aber es ist eigentlich total unbefriedigend.
01:00:33: Ich muss so oft, muss ich sagen, ich weiß es nicht.
01:00:35: Ich weiß es nicht.
01:00:36: Warum hast du das geschrieben?
01:00:37: Ich weiß nicht.
01:00:38: Warum hast du es aufgehört?
01:00:39: Ich weiß nicht.
01:00:40: Wieso hast du keine Kapitel gemacht?
01:00:41: Ich weiß es nicht.
01:00:41: Wieso schreibst du nicht chronologisch?
01:00:43: Ich weiß es nicht.
01:00:44: Wie interessant ist das Interview, denke ich.
01:00:47: Ich suche mir zu überlegen, was könnte ich denn sagen?
01:00:51: Aber auch das ist gelogen, weil ich weiß es ja nicht.
01:00:55: Ja, ich geb dir total recht.
01:00:57: Mir geht's ja ganz genau so.
01:00:59: Ich mag diesen Teil des Jobs nicht.
01:01:01: Also ich mag diesen Teil des Jobs nicht auf der Bühne zu sitzen, vorzulesen.
01:01:05: Zu entertainen auch, dieses irgendwie, das saugt mich so total aus.
01:01:12: Während ich KollegInnen kenne, die das genießen und die da auch irgendwie viel rausziehen.
01:01:16: Und ich muss sagen, ich finde das auch irgendwie zunehmend unbefriedigend, wenn ich mit Menschen spreche, über Bücher, die ich beispielsweise gelegen habe.
01:01:24: habe oder wo man dann sagt, hey, lass uns doch mal über ein Buch reden, was wir beide gelesen haben.
01:01:27: Ja, ich habe es jetzt nicht ganz in diesem Interview mit der Autorin angehört.
01:01:32: Das ist halt
01:01:32: nicht das Gleiche, wie das Buch liegt.
01:01:34: Ja, oder wenn man liest, liest man so, das ist jetzt ganz neu, habe ich mir vor einer Journalistin sagen lassen, Anfang, Mitte, Schluss.
01:01:45: Was?
01:01:45: Anfang, Mitte, Schluss heißt das.
01:01:47: Also, man liest jetzt so, Anfang, Mitte, Schluss.
01:01:52: Aber
01:01:52: das heißt, du liest zwei Seiten am Anfang, zwei in der Mitte, zwei im Ende oder fünf in
01:01:57: der Mitte?
01:01:58: Ja, genau.
01:01:58: Zum Beispiel sogar Journalisten, die über Bücher schreiben, lesen Anfang, Mitte, Schluss und haben darüber, wie geschrieben wurde.
01:02:09: Ich hab kürzlich von einer lieben Freundin-Slash-Kollegin gehört, dass sie eine Lesung hatte mit einem, und der ein Journalist hat sie moderiert, also wirklich ein Journalist aus dem öffentlich-rechtlichen, jetzt nicht irgendwie, also schon auch jemand, der das so zum Beruf hat, und der hat sie hinter der Bühne begrüßt mit, ja, ich hab ja ihr Buch nicht gelesen, aber das machen wir schon.
01:02:27: Und das ist so, und das ist halt inzwischen wirklich so üblich, dass du in Situationen kommst, wo Menschen dir begegnen und dich, also auch rezentzend innen, wo ich manchmal denke, habt ihr das?
01:02:38: Habt ihr das Buch gelesen, was ich geschrieben hab?
01:02:40: Ich bin mir da nicht so sicher.
01:02:42: Und also auch da muss ich irgendwie sagen, es ist halt so unbefriedigend, dann zu denken, dass so ein Buch wie beispielsweise auch das große Heft, über das wir viel zu wenig gesprochen haben, das sind aber eben auch so ähnliche Marker natürlich hat, wie die Anne-Alphabetin, wie ich denke, alle ihre Bücher, diese sehr nüchterne, sparsame Sprache und so.
01:03:08: dass du dich dann da nicht mehr drauf einlassen kannst, weil man halt nur noch so auf Plot liest.
01:03:12: Ja, das ist irgendwie so, was passiert mit diesen Charakteren?
01:03:15: Und mitunter, also das zum Beispiel offensichtlichste Beispielsweise für mich in dem großen Nervt ist ja beispielsweise, dass man diese beiden Brüder, ich hab bis zum Schluss gedacht, das ist die gleiche Person.
01:03:25: Also es ist witzig, weil dann im Irgendwo, im nächsten Buchstil tut ja immer wieder, also du musst wirklich alle ihre Bücher lesen.
01:03:32: Ja, ich muss das jetzt wirklich auch machen, ja.
01:03:34: Ich
01:03:34: bin tatsächlich wirklich alles wieder auf, wiederholt.
01:03:37: auch das ist auch was, was ich gerne mache in meinen Büchern.
01:03:40: So immer wieder dieses Wiederholen.
01:03:43: und das Gute ist, dass sie irgendwo dann über das große Heft schreibt, also über diese Zwillinge und sagt, ich glaube... Ich habe mir nur einen Zwillingsbruder erfunden, damit es leichter war, die Realität.
01:03:59: Und das ist mega witzig, weil das kriegt man ja nicht mit, wenn man nicht weiter liest.
01:04:04: Oder das sind so Sachen, die dann plötzlich auffallen und plötzlich denke man so wie, ja natürlich, du hast das Gefühl, dass es den gar nicht gegeben hat, denn hat es wahrscheinlich auch gar nicht gegeben.
01:04:13: Aber wie
01:04:14: sie ihre
01:04:14: Geschichte, wie sie das erzählen will, diese Wahrheit, hat es den eben gegeben, weil sonst könnte sie diese Geschichte nicht erzählen.
01:04:21: Genau, also die Geschichte würde nicht funktionieren, wenn es nicht diese zwei Brüder wären, aber sie heißen ja auch Klaus und Lukas.
01:04:27: Also es ist ja auch so anagrammatisch.
01:04:29: Und dann denkst du, ja okay, alles klar, danke für diesen Hinweis.
01:04:34: Aber es ist halt schön, dass sie es nicht auflöst auch.
01:04:39: Irgendwann kommt einfach so dieser Satz irgendwo ohne Bezug.
01:04:44: Vielleicht hat es meinen Zwillingsbruder gar nicht.
01:04:48: Aber eben auch mit dem vielleicht, wo wir wieder da sind.
01:04:51: Das Präzision ist jetzt nicht so wichtig, weil das Wichtige ist, was du halt mitnimmst.
01:04:56: Und da, um das nur noch mal zum Abschluss zu bringen, warum ich da gerade so ausgeholt habe, ist halt, dass ich denke, all diese Dinge würdest du ja bei Anfang, Mitte, Schluss gar nicht mitschneiden.
01:05:06: Was soll das dann?
01:05:07: Also was soll dieser Mist?
01:05:09: Da bin ich überhaupt nicht, also das kann ich nicht erst fragen.
01:05:12: Ich habe die Erfahrung,
01:05:13: dass ich Journalistinnen treffe, die sagen, ich habe jetzt dein Buch nicht gelehn, aber ich habe darüber gelesen, wie die anderen geschrieben haben.
01:05:19: Ja, ich habe drüber
01:05:21: gelesen.
01:05:21: Und vielleicht kannst du mir dann eine Zusammenfassung schicken.
01:05:26: Und ich meine, also in erster Linie sage ich dann, lass uns doch in ein paar Tagen treffen, wenn du das Buch gelesen hast und dann reden wir drüber.
01:05:34: Natürlich, natürlich verstehe ich auch die andere Seite.
01:05:37: Also weißt du, dieser Druck, viel zu machen, nichts zu verdienen, keine Zeit zu haben, Druck zu haben und so weiter.
01:05:45: Es ist ja ein Kreislauf, schrecklich, schrecklich.
01:05:49: Aber andererseits ist es ja wie auch so wie, hey, klar, ich verstehe deine Situation, aber es ist mein Buch, das ich jetzt seit sieben Jahren geschrieben habe und irgendwie drüber mit jemandem reden will, der es auch gelesen hat.
01:06:07: Nicht nur mich
01:06:09: Erwerbung für mein Buch zu machen.
01:06:11: Ich will ja ein Diskurs mit dir führen, im besten Fall.
01:06:16: Und dann natürlich auch solche, die dann, also auch verständlich, aber wo ich auch, wo ich nicht gerne mag, also was ich nicht gerne mag, ist natürlich so dieses, also zum Beispiel eine Schweizer Journalistin.
01:06:31: Wir könnten Schweizerdeutsch sprechen und sie könnte sich noch Tizen machen.
01:06:35: Aber sie nimmt das Gespräch auf und fragt mich am Anfang, ob wir auch alles bitte Hochdeutsch machen können, damit das dann gleich mit dem Programm überschrieben wird, also mit KI einfach gleich alles transkribiert wird.
01:06:53: Wo ich denke, ja, aber das, wie ich spreche, ist ja nicht... wie du schreiben würdest und wie ich spreche ist auch nicht, wie ich schreibe.
01:07:03: Das ist was ganz anderes.
01:07:04: Das ist unser Gespräch und im besten Fall machst du dann mit deinen Gedanken, deinen Gefühlen, deinen Eindrücken, was selbst draus.
01:07:12: Und das ist das, was ja dann dein Text ausmacht und ich dann gerne lese.
01:07:18: Aber wenn du eins zu eins übernimmst, was ich sage, dann ist es einfach ein Blabla auch.
01:07:23: Ja, ich weiß nicht.
01:07:27: Ja, also auch darüber könnte man sich jetzt schon lange unterhalten, weil ich auch diese Erfahrungen sogar auch inzwischen mit Menschen in Verlagen mache.
01:07:34: Zum Beispiel denkst du, habt ihr das gelesen?
01:07:36: Ich bin mir nicht so sicher.
01:07:38: Und also einfach so diese... Alles muss
01:07:41: einfach schnell passieren.
01:07:42: Ja, und das... Sofort,
01:07:44: morgen ein Buch heute zu lesen, keine Zeit mehr, also erzähl mir mal was
01:07:50: davon.
01:07:50: Ja, auch irgendwie das, was du gerade sagst, Werbung fürs Buch, es kommt eigentlich auch nur noch darauf an, das Buch zu verkaufen.
01:07:56: Es ist eigentlich vollkommen egal, was da drin steht und dass man eben nicht nur, dass man sehr viel Arbeit, sehr viel Gedanken, sehr viel Zeit, sehr viel da rein verwendet hat, aber es geht ja auch um was.
01:08:06: Also es geht irgendwie darum, was etwas zu, also darum schreibe ich ja, ja, also um, um in einen Dialog zu treten, um in einen Diskurs zu treten.
01:08:14: Bestenfalls schreibt ja, gut.
01:08:15: Bestenfalls auch.
01:08:16: Sie sagt, Sie sagt irgendwo, wofür schreibe ich eigentlich?
01:08:21: Und diese Frage stelle ich mir manchmal auch dann bei diesen Diskussionen oder dann eben auf der Bühne und so.
01:08:26: Ich denke mir oft so, für wen und warum schreibe ich eigentlich?
01:08:32: Und dann überlege ich wieder, ja, ich mache das eigentlich überhaupt nicht für jemand anderem.
01:08:37: Ich mache das nicht für ein Publikum, ich mache das nicht für eine Journalistin, ich mache das nicht für irgendjemanden auf der Bühne, sondern ich mache das, weil ich das einfach raus kotzen muss.
01:08:46: Genau das, nämlich einfach, wie Agatha Christoph auch sagt, jeder Mensch muss in Leben mal ein Buch geschrieben haben und ich mache das wahrscheinlich auch ein bisschen aus dem Grund.
01:08:58: Einfach irgendwie was zurücklassen von mir, von meinem innersten Inneren und irgendwie weitergehen.
01:09:07: Das war ein super schönes Schlusswort, da will ich jetzt gar nicht weitermachen.
01:09:11: Schön, aber ich wollte was lesen zum Schluss.
01:09:14: Ja,
01:09:14: liest zum Schluss noch was.
01:09:15: wie schön, gerne bitte unbedingt.
01:09:17: Das
01:09:17: sind ja auch so schöne Titel, nämlich einfach ganz einfach, so einfach wie sie auch schreibt.
01:09:23: Die dritte Lüge, das große Heft, gestern, die Anna für Beten, der Beweis, irgendwo.
01:09:30: Es gibt ja auch keine solchen Titel mehr.
01:09:32: Das ist zu einfach, das fällt nicht auf, man kann ihn nicht merken, irgendwo.
01:09:37: Wie kannst du, kannst du nicht so ein Buch so nennen?
01:09:39: Es geht ums Verkaufen, aber hier, das finde ich so schön, jetzt ist einfach... Einfach.
01:09:45: Und witzig.
01:09:46: Deswegen will ich das als Ende lesen.
01:09:50: Bitte.
01:09:51: Ich gehe hinaus auf die Straße, um zu vergessen.
01:09:57: Ich gehe spazieren wie jede andere.
01:09:59: Aber in den Straßen ist nichts.
01:10:03: Nur Menschen und Geschäfte, das ist alles.
01:10:06: Ich habe wegen meines verstoppten Spülbeckens keine Lust, nach Hause zu gehen.
01:10:13: Ich habe auch keine Lust mehr spazieren zu gehen und so bleibe ich mit dem Rücken zu einem Kaufhaus auf dem G-Stick stehen.
01:10:22: Ich beobachte die hinein und hinausgehenden Menschen und ich denke, dass die, die hinausgehen, drinnen bleiben und die, die hineingehen, draußen bleiben sollten.
01:10:36: So würde man sich viel hin und her und Kraft sparen.
01:10:46: Das ist sehr schön und wirklich auch witzvoll.
01:10:52: Vor allem da draußen ist nichts außer Menschen und Geschäfte.
01:10:59: Medaille.
01:11:00: Ich lass das jetzt einfach so stehen.
01:11:02: Ich danke dir.
01:11:03: Es war wunderschön mit dir zu sprechen, wie immer.
01:11:06: Ich könnte es stundenlang weiter machen.
01:11:08: Danke
01:11:08: dir.
01:11:08: Es ist auch sehr, sehr toll mit dir zu sprechen.
01:11:12: Danke für die Einladung und danke durfte ich Agatha mitbringen.
01:11:17: Ja, ich bin dankbar, dass du sie mitgebracht hast.
01:11:19: Und ich hoffe, wie immer.
01:11:23: Hallo?
01:11:23: Also dafür mache ich das ja hier, ne?
01:11:27: Das werde ich jetzt auch tun, tatsächlich.
01:11:32: Dann sprechen wir, dann machen wir das in den zweiten Teil, genau.
01:11:34: Das machen wir dann vielleicht irgendwann mal auf der Bühne.
01:11:37: Das machen wir irgendwann mal auf der Bühne.
01:11:38: Das wollten wir ja irgendwie machen.
01:11:42: Das wäre super.
01:11:43: Wenn ihr liebe, ich danke dir sehr.
01:11:45: Alles Liebe.
01:11:46: Danke dir, mach's gut.
01:11:56: Das war die neue Folge von Vampire, dem Podcast über Frauen, die schreiben.
01:12:01: Diesmal mit der Schweizer Autorin Meral Kureishi, die uns die ungarisch-schweizerische Schriftstellerin Agatha Christoph mit ins Gespräch gebracht hat.
01:12:09: Vampire wird wie immer produziert von Kathrin Albrecht und Asya Kultulu.
01:12:13: Alles, worüber wir sprechen, findet ihr wie immer in den Show Notes verlinkt und wir freuen uns über ein paar Sternchen und eine Bewertung auf der Plattform Eures Vertrauens und wenn ihr uns bei Instagram unter vampireunterstrich Podcast folgt.
01:12:27: Vergesst auch nicht, eure Tickets zu sichern zur Vampire Live Show am sechsunzwanzigsten Februar in der Comedia in Köln.
01:12:34: Links und Infos auch dazu in den Show Notes.
01:12:38: Mein Name ist Rasha Chayat, Host und Erfinderin von Vampire und bis zum nächsten Mal.
01:12:43: Euch allen eine gute Zeit!
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